Framing-Check: Familienunternehmen verstärken Ungleichheit?!

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Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Familienunternehmen als Grund für die wachsende Ungleichheit in Deutschland ausgemacht. Die wehren sich natürlich. Doch was heißt „Familienunternehmen“ – in diesem politischen Kontext?

Etwa 95 % aller in Deutschland ansässigen Unternehmen werden als „Familienunternehmen“ geführt. Der Begriff besagt nichts über das Vermögen. Ultrareiche können sich ebenso mit diesem Etikett schmücken wie ein kleines Unternehmen, das gerade so über die Runden kommt. In der politischen Diskussion über Ungleichheit ist der Begriff darum grob irreführend, ja, fahrlässig. Denn ein „mittelständischer“ Betrieb, der es zu ein paar Millionen Umsatz bringt, stellt kein politisches Problem in Bezug auf die Ungleichheit dar. Ganz anders sieht es aus bei Ultrareichen, die Milliarden besitzen und Konzerne bzw. Konglomerate im sogenannten „Family Business“ führen.

Jedes Kind lernt, dass Familie schützenswert ist

Das „Framing“ vom Familienunternehmen in diesem Zusammenhang ist dermaßen irreführend, dass man es sich genauer anschauen sollte. Jedes Kind lernt, dass Familie schützenswert und zu verteidigen ist. Familie ist qua Geburt mit Emotionen verknüpft und lebenslänglich der wichtigste Rückzugsort vor der Umwelt. Familie plus Unternehmen, das klingt romantisch: Alle arbeiten zusammen, um die Familie durchzubringen. Man denkt unwillkürlich an einen Ort, an dem sich alle treffen.

Eigentlich geht es um extremen Reichtum

Dieser Begriff beschwört ein positives, rührendes Bild im Kopf. Damit lenkt er aber von allem ab, was auf politischer Ebene eigentlich zu diskutieren wäre. Ausgeblendet werden alle mit extremem Reichtum verbundenen sozialen Fragen: Die Konzentration von Vermögen in den Händen weniger Individuen und die gleichzeitige Verarmung immer größerer Bevölkerungsschichten – durchaus auch im „Mittelstand“ – werfen zwangsläufig Rufe nach Umverteilung und Beschränkung von grenzenloser „Kapital“-Anhäufung auf.

Diese negative Seite, um die es geht, wird in dem Frame aber nicht mitbezeichnet: leistungsloses Erben, fehlende Vermögenssteuer, Steuerflucht und Steuertricks sowie die mit der Geldkonzentration verknüpfte private Macht in Politik, Medien, Recht, Wissenschaft, Kultur. Alle Fragen nach sozialer Gerechtigkeit sind gleichsam verschluckt.

Ultra High Net Worth Individuals

„Familienunternehmen“ ist somit ein höchst fahrlässiger Begriff, um eine Debatte über Ungleichheit zu führen. Denn er bezeichnet den Gegenstand nicht, er erfindet einen neuen. Aus Perspektive der Gesellschaft müsste ein ganz anderer Aspekt bezeichnet werden: Es geht um Ultrareiche, sogenannte Ultra High Net Worth Individuals. Was Soziologen und Anlageberater hier vereint, ist, dass diese Bezeichnung den Blick auf Individuen lenken: Auf ganz bestimmte Menschen mit Vornamen und Nachnamen, die man ansprechen könnte. Weg von der abstrakten Unternehmenskonstruktion, hin zu Personen mit einer einzigen Eigenschaft: Sie sind extrem reich.

Wer also will in dieser Diskussion dieses Framing – außer Ultrareiche und ihre Handlanger? Die meisten Familienunternehmen sind kleine und mittlere Betriebe, deren Besitzer weit davon entfernt sind, Milliardäre zu sein. Ihnen allen schadet diese politische Debatte. Sie werden begrifflich mit extrem Reichen in einen Topf geworfen und als Sündenböcke für eine Debatte missbraucht, die sie in ein Licht stellt, in das sie nicht gehören.

Ab wann ist man ultrareich?

Der Fokus auf extremen Reichtum wirft dagegen ganz andere Fragen auf. Zuerst verlangt er eine Definition: Was ist Reichtum, und wo beginnt Ultrareichtum? Laut dem Soziologen Hans Jürgen Krysmanski, der Machtstrukturen erforschte, spricht man bei einer Größenordnung von 1 bis zu 500 Mio. Dollar frei verfügbarem Privatvermögen von „Reichtum“, der damit deutlich relativ ist. Ca. 1 % aller Menschen sind nach dieser Definition reich.

Ultrareichtum ist dagegen absolut und beginnt bei 500 Millionen Dollar frei verfügbarem Privatvermögen. Nur ca. 0,01 % der Menschheit ist ultrareich. (Krysmanski, „Das Imperium der Milliardäre“, Westend Verlag.)

Ebenenverschiebung

Wir sind schlagartig in einer höheren Ebene gelandet, die den Blick auf eine Elite lenkt, die man aus den Forbes-Vermögensstatistiken kennt. Das heißt: Weder „Familien“ noch „Unternehmen“ sind das Problem. Kein Wunder, wenn sich „normale“ Familienunternehmen empört gegen den pauschalen Vorwurf wehren.

Die Ultrareichen freuen sich. Sie werden leidenschaftlich mitverteidigt unter dem Dach eines nahezu alles umspannenden Mittelstandes. Besonders perfide und subtil macht das auch der Lobbyverband „Die Familienunternehmer“, der dafür von dem Umverteilungsbündnis „Wer hat, der gibt“ einen Protestbrief erhielt.

Doch was heißt „Mittelstand“ eigentlich? Dabei handelt es sich um ein weiteres Schwurbelwort, das bildlich an eine Mitte denken lässt, aber nicht an die Spitze der Vermögensskala, um die es hier geht. Die Diskussion wurde auf eine niedrigere Ebene verschoben.

Auch der Begriff Mittelstand wird missbraucht. Ein Kriterium für die Zuordnung ist z.B. „Leitung und Eigentum in einer Hand“. Das ist bei Konzernen mit zehntausenden Mitarbeitern nicht der Fall. Und was käme eigentlich bildlich „über“ dem Mittelstand? Der Hochstand, Überstand, Oberstand, Großstand, Höherstand, Kopfstand, Aufstand? Dass sich vom Handwerker bis zum milliardenschweren Konzern nahezu alle selbst als Mittelstand bezeichnen, deutet darauf hin, dass es sich um einen reinen Marketingbegriff handelt. Es gibt gar keinen Gegenbegriff.

Extremreiche auch so bezeichnen

Im politischen Kontext von Ungleichheit ist der Begriff der „Familienunternehmen“ darum nicht zielführend. Das Problem angesichts der wachsenden Armut und sozialen Spaltung sind Extremreiche, die darum auch genau so bezeichnet werden müssen. Sie sind sorgfältig von allem anderen und von allen anderen zu unterscheiden. Ändert sich die Wortwahl nicht, dann läuft es weiter wie bisher in der Debatte über Ungleichheit. Man vernebelt, ob gewollt oder nicht, den Gegenstand der Diskussion.

Ich hoffe, dieses Beispiel macht deutlich, wie wichtig „Framing“ in der politischen Debatte ist. Ein einziges Wort kann reichen, um eine Diskussion in eine falsche Richtung zu lenken.

Ulrike Sumfleth,
Sintfluth Campaigning
Do, 29.04.2021, 19:10 Uhr