Learning aus G20: Protest-Choreografie

Protestwelle_Binnenalster

Bei Demos zeigen Parteien, NGOs und Gewerkschaften, was sie draufhaben – und verraten einiges über sich selbst. Welchen Gesprächsstoff liefern sie, wie professionell treten sie auf, und wie ist die Stimmung wirklich? Eindrücke vom Demo-Hopping

Der friedliche Protest wurde „erfolgreich“ gespalten. Anstatt so viele Leute wie möglich gleichzeitig auf die Straße zu bringen, gab es drei Großdemos. Ein Grund war die Bezeichnung der Demo „Grenzenlose Solidarität gegen G20". Einige NGOs sahen darin eine Absage an Kommunikationsbereitschaft, von der sie sich distanzieren wollten. Die Soli-Demo wurde dann noch in zwei zeitgleiche Läufe gespalten.

Solisten werden abgestraft

Viele Bürger hat es geärgert, dass sie sich entscheiden mussten, mit wem sie laufen. Damit ist man gezwungen, die Entscheidung im Bekanntenkreis zu verteidigen. Man muss begründen, warum man gegen Partner ist und brüskiert deren Anhänger. Am Ende wurde die „bürgerliche Protestalternative“ namens „Hamburg zeigt Haltung“ für ihren Alleingang abgestraft: Nur rund 1.500 Teilnehmer kamen zustande, während zeitgleich die Soli-Demo etwa 76.000 Teilnehmer anzog.

Was der Perfektionsgrad über die eigene Organisation verrät

Wer auf diversen Demos war, spürte zwei Arten von Flair. Professionell durchgestylte Demos sind gleichförmig. Man erlebt kaum was. Die „Protestwelle“ mit 25.000 Teilnehmern gehörte in diese Kategorie. Der Grund ist, dass man fast alle Botschaften kennt. Sie bieten wenig Neues. Campact beherrschte das Fahnenmeer mit seinem Magenta-Farbton („Global umfairteilen!“). Weitere Player waren u.a. die Grünen („Eine bessere Welt ist möglich“), Greenpeace („Planet Earth First“), attac („Global gerecht statt G20!“), BUND („Kohle stoppen! Klima retten!“) und Mehr Demokratie e.V. („Eine andere Politik ist nötig!“). Am Spaziergang-Feeling konnten auch die Bootsaktionen nicht wirklich was ändern. Sie waren hübsch, erfüllten aber geschürte Erwartungen.

Demos brauchen Störungen

Verständlicherweise will jeder seine Kampagne so aufmerksamkeitsstark wie möglich platzieren. Doch genau das führt in ein Dilemma: Demos brauchen Störungen. Genau wie Unternehmen. Dort hat diese Funktion der Chef. Er stört, damit es zur Evolution von Ideen kommen kann. Ohne ihn wäre es viel kuscheliger, aber genau diese Routine kann schaden. Ebenso brauchen Demos Störungen. Visuell und generell. Es braucht Überraschungen. Eine Portion Wildlife-Chaos, damit überhaupt ein Diskussionsstoff „produziert“ wird. So professionell es ist, die Unterstützer mit Werbematerial zu versorgen: Zu viel Fürsorge bewirkt, dass die Leute sich keine Gedanken mehr machen. Die Gefahr ist dann: Protest verkommt zum Lifestyle-Produkt.

Unsicherheitsabsorption

Die Ursachen liegen in der Perfektion. Der Soziologe Niklas Luhmann spricht von Unsicherheitsabsorption. In Organisationen entstehen mit wachsender Professionalität immer komplexere Strukturen, um für alles und jeden Fall gewappnet zu sein. Denn es herrscht immer Unsicherheit darüber, ob in der unkalkulierbaren Zukunft alles reibungslos läuft. Dem begegnet man mit zunehmender Planung. Der Zweck ist es, Unsicherheit in Sicherheit zu transformieren. Aus der Perspektive der Mitarbeiter wird so jeder Schritt, jeder Handgriff, jede Struktur, jede Position unverzichtbar. Alle Entscheidungen sind verzahnt.

Rechtfertigung ist leicht: Man verweist auf unleugbare Erfahrungen. Dagegen zu argumentieren kaum möglich: Alle Sichtweisen und Gewohnheiten sind an die gewachsene Struktur geknüpft. Doch aus der Perspektive des Chefs verhindert genau diese „Unsicherheitsabsorption“ (Vorsorge), dass es noch zu Innovation kommen kann. So manche Unternehmensberatung hat sich daran die Zähne ausgebissen. Je älter, größer und professioneller die Organisation ist, desto höher liegt sie im Schnitt auf der Skala von eins bis zehn. Auch auf NGO- oder Gewerkschafts-Ebene verrät das Ausmaß an Protestplanung viel darüber, wie es um ihre interne Unsicherheitsabsorption bestellt ist.

Slogan vs. Selbstgemaltes

Selbstgefertigte Schilder sind der Gewinner auf jeder Demo. Originelle Botschaften werden fotografiert und auf Facebook und Co. geteilt. Sie enthalten wichtige Hinweise, die im Fünf-Worte-Slogan eben nicht enthalten sind. Sie liefern neue Ideen, Wortschöpfungen und Querverweise zu anschlussfähigen Themen. Sie sind Anknüpfungspunkt auf der Straße, bringen Vielfalt und ausgelassene Stimmung, denn vielfach sind sie witzig.

Durch die Fan-Versorgung reduziert man sich auf die Botschaft der Kampagne. Das erinnert an den Fraktionszwang. Wenn Menschen „mit einer Stimme“ sprechen, endet das bekanntlich in Phrasendresch. Warum nicht stärker die Kreativität der Unterstützer nutzen?

Slogan vs. Identität

Dafür spricht, dass Menschen in eigenen Aussagen ihre Identität zum Ausdruck bringen können. Slogans haben eine nicht-thematisierte Seite: Für den Fahnenträger bedeuten sie eine Form von Gleichmacherei. In der ausdifferenzierten Gesellschaft mit zunehmend unpersönlichen Beziehungen wird es immer schwieriger, seine Identität zum Ausdruck zu bringen. Plakate malen eignet sich perfekt dafür. Natürlich sah man auch auf der „Protestwelle“-Demo Handgeschnitztes, doch weniger als auf anderen Demos.

Diese lieferten den „Gegenbeweis“: Bei der Soli-Demo sah man u.a. Sonnenblumenläufer, Friedensengel, den Papst, Trump-Karikaturen und Kapitalismus-Gerippe. Dazu Schilder wie „Man kann nicht nur in eine Ecke des Pools pinkeln“ und eine viel beklatschte Brückenkletterer-Aktion mit dem Transparent „Wir sind nicht alle – es fehlen die Ertrunkenen“.

Bei „Lieber tanz ich als G20“ gab es freche Verkleidungen, karnevalsartige Wagen („Lieber pflanz ich als G20") und viel Musik („G20 macht mich ranzig, darum tanz ich"). Die Stimmung war ausgelassen, die Identifikation spürbar hoch. Hier versammelten sich 20.000, die sich nicht als „Zielgruppe“ vereinnahmen lassen wollen – und sie trugen genau das zur Schau. Unausgesprochen veranstalteten sie eine No-Logo-Demo. Diese „Zielgruppen“ kann man sich nicht „aneignen“. Aber eines kann man von ihnen lernen: Wie wichtig es für die Demo-Stimmung ist, dass Menschen ihre Identität zum Ausdruck bringen können.

Rot-grünes Farbkuddelmuddel

Ein Problem bei Protest-Choreografie ist seit jeher die Farbgebung. Rot und Grün bergen die höchste Verwechslungsgefahr. Im roten Spektrum bewegen sich z. B. Linke, SPD, DGB und (im Web) Campact. Für die Farbe Grün stehen die Grünen, Greenpeace, BUND und viele Umwelt- und Naturschutzverbände. Auf einer Demo nicht verwechselt und richtig eingeordnet zu werden, ist schwieriger als man vermuten könnte. Tatsächlich ist es auf die Schnelle oft kaum möglich, Farben und Fahnen zuzuordnen. Windverhältnisse und einseitig bedruckte Banner erschweren das Lesen der Aufschriften.

Eine Idee wäre es, mehr auf Formen zu setzen: Figuren, Bekleidung, Kartonagen, Stelzen usw. Aus Fotografensicht ist reizvoll, was aus der Menge herausragt. Fahnen sollte man zweiseitig bedrucken. Sind sie auf Fotos nur von der Rückseite zu lesen, kann das für Journalisten ein Kriterium sein, das Bild nicht auszuwählen.

Blockbilder

Durch das Laufen in Blöcken entsteht im jeweiligen Abschnitt Einfarbigkeit. Das ist unabänderlich. Doch dadurch entstehen auch „Blockbilder". Nach Durchsicht von rund 2000 Demo-Bildern diverser Fotografen vom G20 steht fest: Es ist schwer, ein allgemeines Motiv von der Menschenmasse zu produzieren. Der Fotograf wird darum das Bild aussuchen, das ihm politisch genehm ist bzw. zum Inhalt am passendsten erscheint. Für kleine NGOs kann darum es einen Versuch wert sein, mal die eigenen Anhänger in anderen Blöcken fremdlaufen zu lassen. So ragt man in Blöcke hinein und kapert ihre Bilder.

Teil 1: Learning aus G20: Wahlkampf & Event-Organisation

 

Ulrike Sumfleth,
Sintfluth Campaigning
Mo, 11.09.2017, 21:39 Uhr